Was immer du zu sagen hast,
lass die Wurzeln dran,
mitsamt der Erde,
um klar zu machen,
woher sie kommen.

Charles Olson

Mein Dialogverständnis

Die inzwischen stark digitalisierte Welt fordert ihren Tribut. Als zunehmend komplexer erlebt, fördert sie das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach analog scheinender Kommunikation. Das Ich will gesehen, gefühlt, respektiert und geschätzt werden. Dass wir uns dann auf das besinnen, was zu Zeiten Bubers noch der Rahmen für ein Gespräch war, was noch als Kommunikation von Angesicht zu Angesicht erlebt wurde, scheint logisch. Menschen verbinden Wohlgefühl mit dieser Art der Begegnung und gemeinsamem Lernen.

Dafür ist es ratsam, zu lernen, auf eine produktive und erkundende Weise miteinander zu denken und zu sprechen, gerade dann, wenn die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, anders ticken oder meinem Denken vollkommen konträr gegenüberstehen.

Der Dialog, so wie ich ihn verstehe und praktiziere, speist sich aus verschiedenen Quellen, u.a. den Kreisgesprächen der indigenen Völker, dem Dialogverständnis von Sokrates und Platon, der Dialogphilosophie Martin Bubers, dem so genannten Bohm’schen Dialog, der U-Theorie von Claus O. Scharmer u.v.a.m.

Nach David Bohm soll der Dialog dazu führen, zu bemerken, wenn ich wieder alte, immer wiedergekäute Argumente vorbringe, anstatt sich der eigenen Quelle des Denkens zu besinnen und sowohl den Vorannahmen als auch festen Überzeugungen auf die Schliche zu kommen. Indem ich anderen vorbehaltlos zuhöre, können neue Gedanken entstehen.

Für Martin Buber geschieht alles wirkliche Leben erst in einer echten Begegnung von ICH und DU. Buber betont die Andersartigkeit jedes Individuums, mit dem es heißt, trotz aller Andersartigkeit in Beziehung zu bleiben. Die Einzigartigkeit des Einzelnen bedeutet ein eigenes, einzigartiges Lebenskonzept. "Weil jeder Mensch etwas Neues, Erstes und Einzigartiges ist, soll und kann auch keine Wiederholung dessen angestrebt werden, was ein anderer schon verwirklicht hat". Weil der Mensch frei ist, kann er sich entscheiden, sich dem Leben stellen und frei "antworten". Denn nur da, wo er selbst und frei antworten kann, kann er Ver-Antwort-ung übernehmen

Hierin besteht nach Buber die Verwirklichung des Menschseins.

Jürgen Stock führt zum Dialog weiter aus: „Deshalb braucht es unseren Mut und die Bereitschaft ins Risiko zu gehen, wenn ein echter Dialog stattfinden soll. Denn unter Umständen gehen wir anders aus ihm hervor als wir hineingegangen sind. Wir lernen in dieser Praxis allmählich das Bemühen aufzugeben, von anderen verstanden zu werden und stattdessen uns selbst und andere besser zu verstehen. Wir lauschen auf das, was Martin Buber das „Zwischen“ genannt hat. Dieser Raum kann weder durch das Ich der Sprechenden noch durch das Du des Zuhörenden hinreichend erklärt werden. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat dieses Phänomen „Interbeing“ genannt. Dieses „zwischen uns“ beinhaltet eine ganz eigene Qualität und kann in den Konzepten der Systemtheorie als eigenständiger Teilnehmer am sozialen Geschehen begriffen werden.“

In der von mir verfassten „Einladung zum Dialog“ verdichten sich all diese Ansätze.

Zur weiteren Vertiefung empfehle ich den Blick in die beiden folgenden Artikel von Tim Kunstreich und Jana Marek & Johannes Schopp